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Das Transitghetto Izbica

Der polnische Historiker Robert Kuwalek zur Geschichte Izbicas als Durchgangsghetto in den Jahren 1942/43.

Izbica 1941„Nach Izbica kamen die Juden in der Nacht. Es gab in Izbica schon sehr viele von ihnen. Juden aus der Tschechoslowakei und aus kleinen Städten in der Umgebung Izbicas. Jedes Zimmer, in welches man ging, war voller Menschen und jeder saß auf seinem Gepäck. Auch die Straßen waren voller Menschen, die auf ihrem Gepäck saßen und schliefen. Izbica sah aus wie ein Bahnhof, an dem Menschen auf einen Zug warten.“ So beschrieb Jekutiel Cwilich seine ersten Eindrücke, als er in der Nacht des 14. Oktober 1942 mit einer ganzen Gruppe Juden aus Zamosc in das Durchgangsghetto in Izbica kam. In dieser Zeit fand bereits die Liquidierung des Ghettos Izbica statt, durch das Tausende polnischer, tschechischer, slowakischer, deutscher und österreichischer Juden gegangen waren. Fast das ganze Jahr 1942 hindurch war Izbica für zahlreiche Juden der Vorhof zu den Vernichtungslagern Bełzec und Sobibór, wo sie ermordet wurden. Sie verbrachten nach der Deportation aus ihren Heimatländern einige Wochen oder Monate in dieser kleinen jüdischen Stadt. Izbica liegt direkt an der Bahnlinie zwischen Lublin und Bełzec und war eine der „Umschlagstationen“, an der die Menschen auf die Züge in den Tod warten mussten. Bereits in der Stadt selbst starben viele von ihnen oder wurden ermordet.

Am 3. Januar 1942 hatte der Chef des Amtes des Generalgouverneurs, Josef Bühler, dem Gouverneur des Distrikts Lublin, Ernst Zörner, offiziell mitgeteilt, dass etwa 14.000 deutsche, tschechische und slowakische Juden nach Lublin gebracht würden und dort eine Zeit lang bleiben sollten.

Im Frühjahr 1942 wurden die Orte für die Durchgangsghettos festgelegt. Diese Auswahl erfolgte keineswegs zufällig. Sie umfasste Städte, die an den Bahnlinien zunächst nach Bełzec, später nach Sobibór und Treblinka lagen. Außerdem waren in diese Ortschaften bereits in den Jahren 1940/41 Juden aus dem sogenannten Warthegau deportiert worden. 1941 lebten etwa 7000 Juden in Izbica, ungefähr 2000 von ihnen waren aus den ins Reich eingegliederten polnischen Gebieten und anderen Orten des Distrikts Lublin deportiert worden.

Izbica war unter keinen Umständen darauf vorbereitet, die ausländischen Juden aufzunehmen. Seit jeher war die Ortschaft mittellos und primitiv gewesen, bewohnt vor allem von verarmten Juden. Die meisten Straßen in Izbica waren nicht gepflastert und noch heute erinnern sich Bewohner Izbicas an die damaligen fatalen hygienischen Bedingungen. Nur die wohlhabenden Juden besaßen saubere, geräumige Wohnungen. Die Häuser waren ohne sanitäre Anlagen – im ganzen Ort gab es nur zwei öffentliche Toiletten, ansonsten erledigte man seine physischen Bedürfnisse vor den Gebäuden oder am Stadtrand. Einzig der am Marktplatz wohnende reiche Kaufmann Juda Pomp verfügte über ein eigenes WC, das für die Juden in Izbica eine Attraktion darstellte, da sie nicht glauben konnten, dass man im Hause eine Toilette haben konnte.

So sah Izbica vor dem Krieg aus. Vor allem nach der Einquartierung Tausender deportierter polnischer Juden unter der nationalsozialistischen Besatzung, verschlechterten sich die Lebensbedingungen zunehmend. Die Wohnsituation war dramatisch: Die deportierten Juden lebten mit den Einheimischen zusammen und in vielen Fällen bewohnten sie auch die örtlichen Geschäfte. Alle öffentlichen Gebäude, die vor dem Krieg zur Jüdischen Gemeinde gehört hatten, wurden in Unterkünfte für sogenannte Umsiedler verwandelt. Die Synagoge wurde 1940 in ein primitives Krankenhaus umgewandelt, welches die jüdische Bevölkerung des gesamten Kreises Krasnystaw zu versorgen hatte, obwohl es für höchstens 40 Patienten ausgelegt war. Der Chef des Stabes der „Aktion Reinhardt“, SS-Hauptsturmführer Hermann Höfle, bestimmte Izbica zum Haupt-Durchgangsghetto. Bereits in der ersten Märzhälfte 1942, also noch vor dem eigentlichen Beginn der „Aktion Reinhardt“, kamen Transporte mit ausländischen Juden im Distrikt Lublin an und wurden überwiegend nach Izbica gebracht. Um die Situation in Izbica zu entschärfen, brachten die Deutschen noch vor der Ankunft der Transporte etwa 1500 polnische Juden nach Krasniczyn und Gorzkow. Am 24. März 1942 erfolgte die erste Deportation aus Izbica in das Vernichtungslager Bełzec, die etwa 2200 ausschließlich polnische Juden umfasste.

Izbica 3

Izbica, Frühjahr 1941

Anfangs kamen die ausländischen Juden mit ihrem vollständigen Gepäck in Izbica an und machten auf die Einheimischen einen sehr wohlhabenden Eindruck. Seit Mitte April 1942 jedoch hielten die Deutschen die Transporte in Lublin an. Dort nahmen sie den Juden das Gepäck ab und beraubten sie ihrer gesamten Habe. Gleichzeitig führten SS-Männer aus dem Konzentrationslager Majdanek Selektionen durch, wobei sie junge Männer für das Lager aussuchten.

Selbst, wenn man davon ausgeht, dass die beiden letzten Transporte, die im Juni 1942 aus Deutschland den Distrikt Lublin erreichten, direkt ins Vernichtungslager Sobibór geleitet wurden, betrug die Zahl der ins Durchgangsghetto Izbica deportierten ausländischen Juden weit mehr als 16.000 Personen. Natürlich waren nicht 16.000 Menschen gleichzeitig in Izbica. Ein Teil der Juden, die bereits im März oder April 1942 dort angekommen waren, fiel den folgenden Deportationen in die Vernichtungslager Bełzec und Sobibór zum Opfer.

Durch die vielen ausländischen Juden, deren Zahl die der Einwohner Izbicas deutlich übertraf, entstand eine ungewöhnliche Situation in der Stadt. Sie wurden in den Häusern der polnischen Juden untergebracht, wo sie dann oftmals mit mehr als zehn Familien zusammen wohnten. Diejenigen, die nach der ersten Deportation der polnischen Juden ankamen, fanden häufig demolierte und ausgeraubte Wohnungen vor. Die Deportierten waren sowohl entsetzt über die räumliche Beengtheit in den Wohnungen, als auch über die allgemeinen Zustände in Izbica. Zu dem Schock über die Verschleppung selbst kam also noch die Verzweiflung über die herrschenden Lebensbedingungen hinzu. Als die polnischen Juden nach Bełzec und die ausländischen Juden nach Izbica deportiert worden waren, lieferten die Deutschen zudem keine Lebensmittel mehr in die Stadt, was die Situation weiter verschlimmerte. Die nach Izbica Deportierten waren ausschließlich auf ihre eigenen Mittel angewiesen. In den meisten Fällen besaßen sie jedoch nur das, was sie am Leib trugen und hatten weder Bargeld noch Schmuck, den sie gegen Lebensmittel hätten eintauschen können. Denn deutsche und tschechische Juden durften bei der Deportation in den Osten keine größeren Geldsummen oder andere Wertsachen mitnehmen; diese mussten zuvor bei der lokalen Gestapostelle ihrer Heimatstadt abgegeben werden.

Da seit April 1942 den Juden das Gepäck in Lublin abgenommen wurde und Lebensmittel gewöhnlich in einem separaten Waggon transportiert wurden, kamen sie zumeist ohne jegliche Nahrungsmittel nach Izbica. Es ist also nicht verwunderlich, dass nach kurzer Zeit immer mehr Menschen an Hunger starben. Später gelang es, eine Volksküche zu gründen, doch die spärlichen Mahlzeiten reichten nicht zum Überleben. Die tägliche Brotration für Nichtarbeitende betrug 50 Gramm, und die Mehrzahl der nach Izbica Deportierten waren vor allem alte Leute oder Mütter mit Kindern.

Aber auch diejenigen, die zu körperlicher Arbeit fähig waren, fanden in Izbica keine Beschäftigung. Laut nationalsozialistischer Propaganda sollten die Juden, die in den Distrikt Lublin deportiert wurden, an ihrem neuen Wohnort Arbeit finden. Tatsächlich aber gab es in der landwirtschaftlich geprägten Region kaum Arbeitsstellen.

Ein Teil der ausländischen Juden war deshalb eine Zeit lang damit beschäftigt, die Stadt aufzuräumen und die Wäsche und Kleidung aufzubessern, die von den polnischen Juden zurückgelassen worden war. Eine Gruppe deutscher und österreichischer Juden fand zeitweilig Beschäftigung auf dem Gut Smorczewski in Tarnogóra, einige tschechische und deutsche Juden wurden in zwei nahegelegene Arbeitslager geschickt.

Die meisten Juden jedoch waren auf fremde Hilfe oder auf den Verkauf ihrer letzten Habe angewiesen. Letzteres geschah auf dem Schwarzmarkt und war nicht ungefährlich. Denn der Chef der örtlichen Gestapo, SS-Hauptsturmführer Kurt Engels, hatte den Besitz von Geld oder Wertgegenständen sowie den Handel zwischen Juden und Polen verboten und unter Strafe gestellt. Wertgegenstände mussten bei Engels abgegeben werden, fand er bei Jemandem noch Geld oder Schmuck, so exekutierte er diesen auf der Stelle.

In den meisten Fällen vermittelten bei diesem Handel die einheimischen polnischen Juden, da sie die Situation auf dem Schwarzmarkt bestens kannten, Kontakte zu Polen hatten und die Sprache beherrschten. Die Unwissenheit der ausländischen Juden wurde hierbei häufig ausgenutzt. Izbica entwickelte sich im Frühjahr 1942 zu einem regen Handelsplatz, zu dem zahlreiche polnische Händler, sogar aus Warschau, kamen und alles kauften, was irgendwie von Wert war.

Da Izbica in einer landwirtschaftlich geprägten Gegend lag, war es weniger schwer, an Lebensmittel zu kommen. Auch gab es hier kein geschlossenes Ghetto, was die Kontakte zu den Einheimischen erleichterte. Andererseits war es nicht nötig, Mauern oder einen Stacheldrahtzaun zu errichten, denn Izbica ist durch seine geographische Lage „eingezäunt“. Die Stadt liegt im Tal des Flusses Wieprz, auf drei Seiten von Hügeln umgeben, und im Westen bildet der Fluss die Grenze zur Stadt. Hinzu kommt, dass es nach 1942 den Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten war, die Grenzen der Stadt zu überschreiten.

Generell nahmen sowohl die polnischen Juden als auch die in Izbica lebenden Polen die ausländischen Juden als sehr wohlhabend wahr. Selbst nachdem ihnen ein Großteil des Gepäcks abgenommen worden war, wirkten sie im Vergleich zu den polnischen Juden hochzivilisiert und waren besser gekleidet.

Von Anfang an trat zwischen den beiden Gruppen ein ernster kultureller Konflikt zutage. Die polnischen Juden, vor allem die aus Izbica stammenden, waren orthodoxe Juden, sie legten großen Wert auf den Erhalt der Traditionen und Bräuche, die sie seit Jahrhunderten kultivierten. Wenige von ihnen besaßen eine weltliche Bildung. Dagegen waren die ausländischen Juden zumeist assimiliert, viele waren Intellektuelle von hoher Bildung. Selbst die ausländischen Juden ohne universitäre Ausbildung hatten kulturell nicht viel mit den polnischen Juden gemein. Diese wiederum behandelten sie als Nicht-Juden, da sie die koschere Küche nicht achteten, keine Gebetsmäntel trugen und nicht regelmäßig beteten. Am schlimmsten galten für die einheimischen Juden die deutschen Juden, die sich in Izbica in vielen Fällen in einer privilegierten Situation befanden. Aufgrund ihrer Kenntnis der deutschen Sprache hatten sie verschiedene Funktionen inne und es herrschte das Bild, sie verhielten sich den deutschen Besatzern gegenüber loyal und sähen auf die polnischen Juden herab: „’Ein dreckiger, polnischer Jud’ – das waren noch die taktvollsten Schimpfworte. [...] Darauf hatten die polnischen Juden zu antworten: ‚Die Deutschen, das sind jüdische Gestapomänner. Das sind ekelhafte Menschen, die man nicht ins Haus lassen muss.’“

Sicherlich wurde dieser Konflikt noch durch Arroganz geschürt, mit der ausländische Juden ihren polnischen Glaubensbrüdern begegneten. So kam es unter diesen primitiven Bedingungen, in denen man jeden Tag um das Überleben kämpfen musste, zu Ausbrüchen nicht nur der Abneigung, sondern auch des Hasses auf beiden Seiten.

Die Konflikte berührten auch die jüdischen Institutionen, die im Ghetto wirkten. Nach sehr kurzer Zeit gab es zwei Judenräte – einen für polnische Juden, einen zweiten für die Deportierten. An der Spitze des ersten stand der ortsansässige Jude Lejb Blatt. Der Judenrat für die ausländischen Juden war zusammengesetzt aus deutschen und tschechischen Juden. Die Konflikte unter den Juden nutzen die Deutschen aus, um sich die Verwaltung dieser großen Anzahl von Menschen zu erleichtern und schließlich, um sie wirksam ihrer Vernichtung zuzuführen.

So gab es jeweils eigene Abteilungen des Jüdischen Ordnungsdienstes, also der jüdischen Polizei. Nach Meinung Überlebender aus Izbica favorisierten die lokalen deutschen Funktionäre die ausländischen jüdischen Polizisten. Der Bürgermeister von Izbica, ein Volksdeutscher namens Jan Szulc, gründete eine eigene Abteilung jüdischer Polizisten, die sich aus tschechischen Juden zusammensetzte. Während der Deportationsaktionen beteiligten diese sich sehr eifrig an den Razzien, bis sie am Ende selbst – auf Anweisung von Szulc - in das Vernichtungslager in Bełzec deportiert wurden.

Der Grund dafür, dass Kurt Engels eine Abteilung des Jüdischen Ordnungsdienstes mit hauptsächlich tschechischen und deutschen Juden einrichtete, lag vermutlich unter anderem darin, dass diese deutsch sprachen und zudem in vielen Fällen mit dem Militärdienst vertraut waren. Dies garantierte den Deutschen Ordnung und Disziplin bei den Deportationen. Das brutale Verhalten der tschechischen und deutschen jüdischen Polizisten gegenüber den polnischen Juden könnte auch aus einem Gefühl der kulturellen Überlegenheit und einer allgemeinen Abneigung resultiert haben.

Nicht weniger brutal verhielten sich die jüdischen Polizisten aus der dem polnischen Judenrat untergeordneten Abteilung. Sie führten auf Befehl von Engels die Razzien unter den ausländischen Juden durch, als diese deportiert werden sollten.

Izbica 5

Izbica, Frühjahr 1941

Es stellt sich die Frage, ob die Juden vor der Deportation in das Vernichtungslager etwas über ihr zukünftiges Schicksal wussten. Sie hatten erfahren, dass die SS-Männer in Izbica Menschen grundlos auf den Straßen und in den Häusern ermordeten. Sie hatten auch gesehen, wie Menschen in verschlossenen Güterwaggons aus Izbica fortgeschafft worden waren. Außerdem führten Transporte von Lubliner Juden nach Bełzec durch Izbica, was niemandem verborgen bleiben konnte. Dennoch ist nicht sicher, ob sie sich bewusst waren, dass Izbica die letzte Etappe vor dem Tod in den Vernichtungslagern war. Nachrichten über Bełzec gelangten bereits nach der ersten Deportation polnischer Juden in die Stadt. Sowohl die polnischen Juden als auch die einheimischen Polen erfuhren früher oder später von dem Vernichtungslager Bełzec. Informationsquelle waren vor allem die polnischen Eisenbahner, die die Züge auf der Strecke zwischen Lublin und Lemberg begleiteten. Vermutlich kannten die Menschen keine genauen Einzelheiten über das Lager selbst, da verschiedene Gerüchte kursierten. Einige besagten, in Bełzec würden Juden mit „elektrischer Hilfe“ ermordet, andere erzählten, dass die Deutschen ganze Transporte in den Wald im Lager führten und keiner von dort je lebend zurückgekehrt sei. Stark verbreitet war das Gerücht über die Existenz von Gaskammern in Bełzec. Diese Nachrichten verbreiteten sich sehr schnell, doch erreichten sie zumeist nur die polnischen Juden und die Polen. Die Mehrheit der ausländischen Juden ahnte offenbar nicht, was mit den Deportierten geschah, und nahm an, diese würden zur Arbeit „in den Osten“ geschickt. Und dies, obwohl jede „Aktion“ in Izbica einen sehr blutigen Verlauf nahm.

„Am besten erinnere ich mich an die erste [‚Aktion’ – R.K.]. Das war wahrscheinlich 1942, in der Nacht, im Winter, als unerwartet, trotz der Verdunkelungspflicht, die Straßenbeleuchtung in Izbica angezündet wurde und eine sehr große Anzahl Ukrainer in deutschem Dienst kam, ich weiß nicht woher, und anfing, die Haustüren aufzureißen und unter Schreien und Schlägen die Juden aus den Wohnungen zu zerren. Vor lauter Angst ging aus unserem Haus niemand heraus, und erst am Morgen erfuhr ich aus Gesprächen mit der Bevölkerung, dass die Juden auf der Wiese in der Nähe der Bahnhofsrampe versammelt sind. Diese Aussiedlung dauerte noch den ganzen nächsten Tag und ich erinnere mich, dass ich gesehen habe, wie Ukrainer in verschiedenen Verstecken Juden suchten. Ich habe in dieser Zeit viele Schüsse gehört und es stellte sich heraus, dass Ukrainer auf die auf der Wiese versammelten Juden geschossen haben und später habe ich dann gesehen, wie die Leichen der Erschossenen zum jüdischen Friedhof gebracht wurden. Es fällt mir schwer zu sagen, wie viele Juden damals getötet wurden, aber ich erinnere mich, dass drei Pferdewagen voller Leichen, die durcheinander auf diesen Wagen geworfen worden waren, zum Friedhof fuhren.“ Jede weitere „Aktion“ verlief ähnlich. Daneben kam es immer wieder, selbst in den ruhigsten Zeiten, zu einzelnen, kleineren Exekutionen. An einzelnen Morden beteiligten sich auch die örtlichen Volksdeutschen.

Selbst im Herbst 1942, als fast täglich Züge in die Vernichtungslager fuhren, behielten die ausländischen Juden weiter die Hoffnung, eine Deportation bedeute die Fahrt zur Arbeit, welche es in Izbica nicht gab.

Izbica 1 Izbica, Frühjahr 1941

„Aktionen“ gab es im Ort mehrere: Die erste fand am 24. März 1942 statt, als etwa 2200 polnische Juden ins Vernichtungslager Bełzec deportiert wurden. Die nächste „Aktion“ dauerte vom 12. bis 15 Mai 1942 und betraf praktisch den ganzen Kreis Krasnystaw. Der Sammelplatz für die deportierten Juden war die Kreisstadt Krasnystaw und hier führte man auch eine Selektion unter den versammelten Menschen durch. Einige hundert Männer – polnische und deutsche Juden – wurden in das Konzentrationslager Majdanek gebracht. Es handelte sich wahrscheinlich um die Gruppe von Juden, die zuvor von Izbica nach Krasnystaw getrieben worden war. Die übrigen etwa 400 Juden aus Izbica wurden zusammen mit Juden aus anderen Ortschaften in das Vernichtungslager Sobibór deportiert.

Die folgende „Aussiedlung“ fand am 8. Juni statt. Dies war vermutlich eine „Aktion“ gegen die Nichtarbeitenden, also vor allem gegen alte Menschen und Kinder. Es ist nicht bekannt, wie viele von ihnen nach Bełzec deportiert wurden. Bis zum Oktober 1942 führte die SS in Izbica keine weiteren Deportationen durch, was nicht bedeutet, dass keine Menschen starben. In dieser Zeit herrschte im Ort eine Typhusepidemie, an der Hunderte starben. Zudem organisierte Engels private „Jagden“ auf Juden.

Im Oktober 1942 folgte die nächste Deportationswelle und gleichzeitig die Umsiedlung von Juden nach Izbica, die noch in einzelnen Ortschaften im Kreis Krasnystaw und Teilen des Kreises Zamosc verblieben waren. Es ist schwer festzustellen, wie viele Juden damals in die Stadt kamen. Bekannt ist, dass allein aus Zamosc ungefähr 3000 bis 4000 Menschen dorthin getrieben worden waren.

Danach erfolgte die Neuorganisation des Judenrats in Izbica. Er setzte sich nun aus allen bisherigen Judenrats-Vorsitzenden aus den verschiedenen Städten zusammen. Es ist wahrscheinlich, dass auch die Mitglieder der polnischen und ausländischen Judenräte Izbicas Teil dieses neu gebildeten Judenrates wurden. Diese Neustrukturierung des Judenrates verbesserte jedoch in keiner Weise die Situation im Ghetto. Aufgrund des großen Zustroms jüdischer Menschen nach Izbica, waren die Menschen gezwungen, in den Strassen zu lagern, es herrschte Hunger und keine Volksküche war in Betrieb, die Mahlzeiten hätte ausgeben können. Mitte Oktober 1942 erfolgte dann die Deportation der erst kurz zuvor nach Izbica verschleppten Juden. Die Transporte gingen abwechselnd nach Bełzec und Sobibór. Die „Aktion“ hatte von Anfang an einen sehr blutigen Charakter. Nicht nur SS- und Gestapomänner aus Izbica selbst beteiligten sich, sondern auch SS-Männer aus Lublin, Zamosc und Krasnystaw. Auch die Vertreter der Zivilverwaltung aus Krasnystaw, mit dem Bürgermeister an der Spitze, nahmen aktiv teil. Wahrscheinlich waren während dieser „Aktion“ auch SS-Männer aus dem Stab der „Aktion Reinhardt“ in Lublin anwesend. Zudem wurden Einheiten der SS-Wachmannschaften aus dem Ausbildungslager in Trawniki, die hauptsächlich aus Ukrainern und Mitgliedern der polnischen Feuerwehr bestanden, herangezogen. Um sie zu motivieren, hatte man ihnen versprochen, sie könnten das Geld und die Wertsachen von jedem von ihnen gefunden Juden behalten.

Die sich beteiligenden Deutschen und Polen durchsuchten die Häuser und führten die Juden zunächst zum Marktplatz, und dann auf die Wiese gegenüber des Bahnhofs. Die Menschen wurden nicht nur in ihren Verstecken ermordet, sondern auch am Sammelpunkt. Laut Zeugenaussagen starben mindestens 500 Menschen bereits an Ort und Stelle, und Tausende wurden nach Bełzec und Sobibór verschleppt.

Die letzte Deportation des Jahres 1942 erfolgte am 2. November. Nun sollten alle noch verbliebenen Juden abtransportiert und Izbica „judenrein“ werden. Viele Juden versuchten, sich durch Flucht in die umliegenden Wälder oder durch Untertauchen in speziell vorbereiteten Verstecken zu retten. Genau wie bei den vorherigen „Aussiedlungen“ ermordete man fast alle alten Menschen an Ort und Stelle, die Jungen dagegen versammelte man auf der Wiese am Bahnhof. Dort stellte sich dann heraus, dass der Platz in den Waggons nicht ausreichend war. Als der Zug schließlich abfuhr, blieben Viele auf der Wiese zurück. Kurt Engels, der die „Aktion“ leitete, befahl daraufhin, alle verbliebenen Juden in das Gebäude des Kinos zu sperren. Mit mehr als 1000 Menschen war das Gebäude vollkommen überfüllt, viele erstickten in der Enge oder verloren den Verstand. In diesem Gebäude hielt man sie Tage lang fest, bis SS-Männer sie schließlich gruppenweise herausführten, um sie auf dem jüdischen Friedhof zu erschießen. Diese brutale Ermordung von mehr als 1000 Menschen wurde von der einheimischen Bevölkerung beobachtet, die bis heute voller Schrecken davon erzählt.

Offiziell galt Izbica nun als „judenrein“, aber große Gruppen von Flüchtlingen irrten weiterhin durch die umliegenden Wälder. Sie kehrten wahrscheinlich im Dezember 1942 zurück, nachdem der Höhere SS- und Polizeiführer im Generalgouvernement, Wilhelm Krüger, den Befehl zur Errichtung von Ghettos in den einzelnen Distrikten gegeben hatte. Auch in Izbica entstand ein Ghetto, welches bis zu seiner endgültigen Liquidation im April 1943 existierte. Einige hundert polnische Juden, die in dem Ghetto gelebt hatten, wurden in Sobibór ermordet.

Insgesamt passierten während der nationalsozialistischen Besatzung über 26.000 polnische und ausländische Juden das Lager in Izbica. Mehr als 3000 von ihnen fanden im Ort selbst den Tod. So war diese kleine Siedlung wahrscheinlich nach Lublin der zweitgrößte Ort im ganzen Distrikt, an dem Juden versammelt wurden, um sie schließlich zu ermorden.

Izbica 4 Izbica, Frühjahr 1941

Die Existenz von Izbica und auch der anderen Durchgangsghettos stellt die Historiker vor die grundsätzliche Frage, warum in der ersten Hälfte des Jahres 1942 Tausende ausländischer Juden in die Lubliner Gegend und gerade in diese Kleinstädte und warum gerade in die Lubliner Gegend gebracht wurden. Darauf gibt es zwei hypothetische Antworten. Die Deportationen nach Izbica könnten schlicht der Propaganda gedient haben. Es ging darum, dass die Nationalsozialisten den in Deutschland, Tschechien oder der Slowakei verbliebenen Juden demonstrieren wollten, dass sie tatsächlich nur zur Arbeit in den Osten „umgesiedelt“ würden. Deshalb hatte man anfangs noch die Möglichkeit, Nachrichten zu verschicken, wenn auch in den meisten Fällen stark zensiert.

Der zweite Grund könnte darin begründet liegen, dass die Vernichtungslager in dieser Zeit noch nicht ausreichend Kapazitäten hatten, um so viele Transporte aufzunehmen. Erst ihr Ausbau im Mai und Juni 1942 mit den vergrößerten Gaskammern, machte es möglich, eine so große Anzahl von Menschen zu töten.

Izbica wurde so zum Vorhof der Vernichtungslager, zu der Station, wie Jekutiel Cwilich sie beschrieb, an der Menschen auf den Zug ohne Rückkehr warteten.

Aus dem Polnischen übersetzt von Andrea Löw

Quellen- und Literatur

Archivbestände Archiwum Żydowskiego Instytutu Historycznego (AŻIH) [Archiv des Jüdischen Historischen Instituts Warschau] 211 Jüdische Soziale Selbsthilfe (JSS) 301 Relacje [Berichte] 301/29 Chaskiel Menche 301/72 Leon Feldhendler 301/1303 Käthe Leschnitzer 301/1513 Henoch Nobel 301/3185 Zofia Łosiowa 301/6269 NN: „Ahaswerus” Archiwum Instytutu Pamięci Narodowej – Oddział w Lublinie (IPNwL) [Archiv des Instituts des Nationalen Gedenkens, Abt. in Lublin] Akta Okręgowej Komisji Badania Zbrodni Hitlerowskich w Lublinie (dalej OKL) [Akten der Kreiskommission zur Untersuchung der Hitler-Verbrechen in Lublin] Ds. 3/67 Akta śledztwa w sprawie zbrodni dokonanych przez funkcjonariuszy Gestapo w Zamościu: Gotharda Schuberta i innych [Untersuchungsakten in der Sache der Verbrechen ausgeübt durch Gestapofunktionäre in Zamosc: Gothard Schubert und andere] Aussagen Irena Pańko, Franciszek Frączek

Archiv Żidovského muzea w Praze [Archiv des Jüdischen Museums in Prag] Sbirka vzpominek [Bestand Erinnerungen] Kazeta Nr. 162 Interview mit Hela Danielova vom 8.12.1992.

Landgericht Kassel Lfd. Signatur Nr. 316 (Andere Massenvernichtungsverbrechen Izbica bei Lublin)

Privatarchiv des Autors Interviews mit Thomas Toivi Blatt, Helena Błaszczyk, Janina Kić, Stanisław Malinowski, Zygmunt Świrkowski

Literatur
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Die Synagoge von Izbica

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