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"Annäherung an Auschwitz"

Opfer_Täter_Helfer_Zuschauer
Wann 10.05.2019 um 22:00 bis
14.05.2019 um 22:00
Wo Auschwitz
Name
Kontakttelefon 02204 / 25819
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Auschwitz ist durch Bilder geprägt: Tore, Zäune, Baracken, Ruinen, Gleise.

Unsere Erkundungen beginnen weitab dieser Bilder in den umliegenden idyllischen Dörfern, umgeben von satten Wiesen, nassen Wäldern,  kleinen Teichen, wo man  Fasanen und Störche und sogar den Kiebitz trifft. Dieses Gebiet liegt im sumpfigen Dreieck zwischen Weichsel und Soła. Hier wurden dem Generalplan Ost folgend die Ländereien des Interessengebietes Auschwitz bestellt, bestehend aus Forschungsanlagen für Pflanzen und Tiere - und Lager. Reichlich personell abgesichert mit erzwungener Häftlingsarbeit versuchten sich mehr oder weniger qualifizierte Forscher  an den Autarkieträumereien des ‚Dritten Reiches‘.  Auf die unschuldigen Orte legen wir mit Wörtern die vergangene Schwere der Nazizeit, erzählen von den Opfern und ihren Leiden und Toden, von  den Tätern und ihren späteren Karrieren. So zum Beispiel am Sportplatz Harmęże, heute noch ‚kurniki‘ genannt, weil das Gelände von den Nazis zu Zuchtforschungen an Hühnern genutzt wurde.

Wer von Oświęcim nach Krakau fährt, passiert unweit von Oświęcim einen fragmenthaften, vor kurzer Zeit noch nicht enden wollenden Betonzaun. Die Zaunlücken geben  einen Blick frei auf ein quirliges Gewerbegebiet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite duckt sich das Dörfchen Monowice in grüne Wiesen. Mit alten Plänen, Fotos und Zitaten decken  wir  das vergangene Leben des verschwundenen Konzentrationslagers Monowitz über die heutige Siedlung; nun fallen uns ein paar historische Gebäude, alte Unterstände und Bunker für die Bewacher und  Reste von Zaunpfosten auf. Ein Denkmal im christlichen Kontext erinnert an die hier von den Nationalsozialisten ermordeten dreißigtausend vor allem jüdischen Menschen, die mutwillig zu Tode gebracht wurden oder die die grauenhaften Arbeits- und Lebensbedingungen des Lagers und der gegenüber liegenden IG-Farben Fabrik nicht  überlebten.  Wer sucht, mag auch ein monumentales seelenloses Denkmal  am monumentalen Zaun der damaligen IG-Farben-Fabrik Monowitz finden. Trotz der Bedeutung für den deutschen Ausbau von Auschwitz, ist Auschwitz III-Monowitz nicht Teil der Gedenkstätte.

Wo haben eigentlich die deutschen Täter, die zivilen Angestellten dieser IG Farben gewohnt, wo die leitenden Angestellten, wo und wie lebte das SS-Personal und wie viele waren das und was ist aus ihnen nach 1945 geworden?  Wir fahren zu ihren damaligen Unterkünften und Häusern,  wir stellen ihr Leben mit Kindergärten, Schulen, Geschäften, Cafés, Theater, Sportveranstaltungen … vor. Oftmals nicht weiter als einem Steinwurf vom ‚Stammlager Auschwitz‘ entfernt, damals oft unter dem stinkenden Himmel von Auschwitz als die Leichen von Juden aus ganz Europa in den Krematorien brannten.  Das Unfassbare zerbröselt uns langsam zu einen stinknormalen  uns allen nachvollziehbaren Alltag – für die Täter, Mitläufer und Zuschauer.

Unser unsichtbarer Begleiter ist Stanisław Hantz. Er war als ‚politischer‘ Häftling fast fünf Jahre im Konzentrationslager Auschwitz eingesperrt, sowohl im ‚Stammlager‘ als auch in ‚Birkenau‘. Er kam als Zimmermann in den Lagern viel herum, hat viel gesehen, gehört und sein Leben lang über Auschwitz nachgedacht. Über zwanzig Jahre hat er uns nach Oświęcim begleitet. Er wusste um ‚gute und schlechte SS‘, um Freundschaft und Verrat unter den Häftlingen, vom Hunger und geklauten Fettaugen, von Verzweiflung und Hoffnung, ja auch von Witzen und  vom Lachen in ‚Auschwitz‘. Und das alles und noch mehr hat er uns zu seinen Lebzeiten weiter erzählt. Und jetzt nach seinem Tod erzählen wir es weiter.  All die Tage und immer wieder.

Das große Grauen betreten wir durch das kleine weltberühmte Tor ‚Arbeit macht frei‘. Siebzig Tausend Polen wurden in den Lagern von Auschwitz ermordet, viele hier im ‚Stammlager‘. Hier ist der wirkliche Ort des polnischen Leidens unter den deutschen Nazis.  Für Erschauern, gar  Trauer oder Gedanken ist das  kein Ort (dennoch lassen auch wir uns zu wohl ausgesuchter Zeit hier kurz und kompetent und einfühlend führen). Ansonsten tagsüber: Museumspädagogen ziehen ins Mikro redend zügig Gruppen aus Polen und dem Rest der Welt durch das Museumsgelände.  Gute zwei Millionen Besucher_innen pro Jahr erdrücken das überschaubare Areal  Auschwitz I, das ‚Stammlager‘, nehmen ihm irgendwie seine Würde.  Hier findet man in den alten Gebäuden die Ausstellungen, auch internationale, auch die mit den Haaren, Koffern, Prothesen, Brillen und  Kleidern der Mordopfer der Shoa. Letztere haben tatsächlich einen andern Platz:  Die Shoa  hat vor allem einige Kilometer entfernt in der Mordzone von Auschwitz II – Birkenau stattgefunden.

Nur einen Teil der Besucher_innen verschlägt es auch nach Birkenau, Auschwitz II. Dort ziehen die Restscharen durch das ebenfalls weltberühmte Tor entlang der Rampe zum zentralen Denkmal und den benachbarten Ruinen von zwei  Vergasungsanlagen, inklusive Selfies und knipsen.  Wir erklimmen den Wachturm am Tor und wagen einen ‚Blick der Täter‘ über das erschütternd weite Gelände. Und dennoch: wir sehen nur einen Teil des Areals, weil an dessen westlichem Ende das heutige Dorf Brzezinka in das ehemalige Gelände des Konzentrationslagers hineingewachsen ist.  Von oben  schauen wir auf Baracken, Fundamente, stehende und verfallende Kamine, Zäune und Zäune, eingebettet in ein wunderbares Biotop, im Sommer  bunt blühende Wiese. An klaren Tagen sehen wir am Horizont die sanften Züge der Beskiden, dort wo sich die SS-Leute und ihr Gefolge in der ‚Solahütte‘  von den Strapazen des Drangsalierens und Mordens erholten. Unmittelbar unter uns liegen die Lagerabschnitte des Konzentrationslagers Auschwitz II – Birkenau. Wir erarbeiten uns gehend jedes einzelne dieser Lager, ausführlich auch das Frauenlager. Mit Bildern, Fakten, Biografien und Geschichten senkt sich nach und nach ein Teppich der Gräuel über die lauschigen Plätze. Es wird klar,  was wir nicht sehen, was anders war zu Lagerzeiten: da war  Dreck und Matsch, kein Grashalm traute sich zu wachsen, kein Baum konnte gedeihen, kein Vogel flog, die Luft war voller Geflüster der Tausende Eingesperrten, da waren die vielen abgemagerten Häftlinge, der Rauch und Gestank der verbrannten Leichen aus den im Wald versteckten Krematorien.  In den restaurierten Baracken mit den aneinandergereihten Latrinen und hölzernen Schlafboxen drängt sich uns die Frage auf: wie kann man hier ‚wohnen‘ und ‚leben‘? Gab es Freunde, gab es Hilfe? Hat die brutalisierte Umgebung auch die Opfer brutalisiert? Die mystische Wolke des Grauens von Auschwitz zerfällt in Individuen, in Tage, in minütlich gelebten Alltag – ja, das alles hat es gegeben, wird nachvollziehbar, begreifbar und wahrhaftig.

Auschwitz II war im vorderen Teil ein grausiges Konzentrationslager mit Folter und Tod, im hinteren versteckten Teil war es eine schiere Mordstätte, in der vor allem eine Million Menschen jüdischen Glaubens oder Wurzeln von den deutschen Nazis grausam zu Tode gebracht wurden. Nun, am ‚Ende‘ des Geländes angekommen, sind wir fast alleine. Der größte Teil der Besucherströme machte am Mahnmal kehrt und ging wieder hinaus durch’s Tor. Zu Fuß erschließen wir uns das  Gelände, die Entwicklung des Mordens und die fabrikmäßigen Abläufe. Hier hinten, hinter dem großen ehemaligen Aufnahmegebäude, begann in zwei umgebauten Bauernhäusern im Frühjahr 1942 der Massenmord,  noch vor den großen industriellen Mordfabriken. Wir schauen auf den fürchterlichen entwürdigten Tod in den Gaskammern. Wir beschäftigen uns mit den Häftlingen des Sonderkommandos, die für die Nazis die Leichen aus den Gaskammern holen und verbrennen mussten, und mit ihrem Widerstand. Wir schauen uns die Täter an und ihren Raubzug  an ihren Opfern und was aus ihnen nach 1945 wurde.

Am Ende bleibt die Trauer  um all die  Opfer, die jüdischen Glaubens und die christlichen Glaubens, die irgendeines Glaubens und die ohne Glauben. Die bekannten und die namenlosen. Um jeden einzelnen Menschen, mit seinem geraubten  Leben, seinen verlorenen Hoffnungen.
Wie das alles geschehen konnte, wissen wir nicht  –  wir können nur immer wieder diskutieren. Und zusammen nachdenken. Und vielleicht spüren wir einen Moment unsere  ungeheuerliche Verantwortung für uns und andere.   ‚Nie wieder Auschwitz‘ ist von der Weltgeschichte weitestgehend und variantenreich widerlegt und zum frommen Wunsch verkommen.  Vielleicht hilft letztlich nur das beherzte ‚nein‘ an der richtigen Stelle. Um die zu erkennen, braucht‘s Wissen und Empathie – dazu wollen wir beitragen.

 

ankuendigung 

Organisatorisches

Unterbringung

Wir wohnen in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim. Wir werden in Doppelzimmern untergebracht; Einzelzimmer gegen Aufpreis möglich.

Teilnehmerbeitrag

Der Teilnehmerbeitrag beträgt 320,00 €. Darin enthalten sind Übernachtung, Frühstück, Abendessen, Lunchpakete, Busfahrten, Führungen, Eintrittsgelder, Übersetzungsarbeiten. Im Teilnehmerbeitrag nicht enthalten ist die An- und Abreise nach/von Oswiecim/Auschwitz.

Das Anmeldeformular kann hier heruntergeladen werden.

Voraussichtliches Tagesprogramm:

10. Mai Anreise mit der Bahn von Berlin (Gruppenticket) oder individuell.

11. Mai Das SS-Interessengebiet

 Das KL Monowitz (Auschwitz III)

Täterleben in der „Musterstadt“ Auschwitz

Öffentlichkeit der Verbrechen

Geschichte und Betrieb des staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau

Führung durch das Stammlager (Auschwitz I)

12. Mai Das Konzentrationslager Birkenau

Das Frauenlager (Weibliches Hafterleben)

Häftlingsalltag in der Häftlingsgesellschaft

Das Theresienstädter Familienlager

Das „Zigeunerlager“

Die Überlebenden (u. a. am Beispiel von Stanislaw Hantz, dem Namensgeber unseres Bildungswerkes)

13. Mai Das Vernichtungslager Birkenau

Entwicklung und Technisierung der Vernichtung

Die Mordstätten (rotes und weißes Haus, die Krematorien)

Raub und Korruption („Kanada“)

Das jüdische Sonderkommando und der Aufstand vom 7.10.1944

Gedenken

14. Mai Rückreise

 

Weitere Informationen, Fragen ...

Fragen zum Programm, Ablauf und Organisation der Bildungsreise beantwortet:

Roland Vossebrecker

vossebrecker@bildungswerk-ks.de

02204 / 25819

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