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Interview mit Halina Błaszczyk, geb. 1929

Halina Błaszczyk beschreibt in ihrem Bericht das Verhältnis der jüdischen Einwohner Izbicas zu ihren wenigen polnischen Nachbarn. Insbesondere erzählt sie auch von den Bedingungen, unter denen die Menschen in ihrer Kindheit lebten. Wir interviewten sie am 25.02.2003.

 

Vor dem Krieg war Izbica praktisch völlig jüdisch. Man sagte sogar: „Izbica, Izbica – jüdische Hauptstadt“ [reimt sich auf Polnisch. Anm. d. Übers.]. Es war ein armes Städtchen. Es lebten nur wenige Polen hier, die Mehrheit waren Juden. Fast alle Geschäfte waren jüdisch, außer zwei – einer gehörte den Bazylks, und der zweite war ein Gemeinschaftsgeschäft. Der Rest der Geschäfte gehörte den Juden. Die Juden waren Handwerker – sehr ordentliche Handwerker. Hier lebten sehr viele Schneider. In der Straße, in der ich wohne, die Targowa-Straße, standen so hölzerne Häuser, so wie Kioske – das waren die jüdischen Geschäfte. Da waren spezielle Buden, in denen Hering verkauft wurde und nur Hering. Jede Bude war ein spezialisiertes Geschäft, nicht so wie jetzt, wo man in einem Geschäft alles kaufen kann. Es gab also einzelne Buden mit Hering, andere mit anderen Fischen, wieder andere mit Obst, aber die meisten in der Targowa waren Buden mit Fleisch und Geflügel.

Vor dem Krieg gab es nur wenige reiche Juden in Izbica. Hier wohnte ein Dr. Lind, jüdisch war die Gerberei und das Apothekenlager. Ihre Eigentümer zählten zu den wohlhabenden Juden. Ja, die meisten waren arm. In Izbica gab es keine Kanalisation, dafür gab es drei Brunnen, es gab also einen jüdischen Wasserträger, der für einen kleinen Betrag das Wasser in die Häuser brachte. Juden handelten auch mit (obwożny). Es gab einen Händler, der in den Dörfern alte Stoffe aufkaufte und den Leuten im Tausch dafür irgendwelche Nadeln oder Töpfe gab.

Es gab keine Toiletten in den Häusern, denn es gab keine Kanalisation. Dafür gab es ein jüdisches Bad, eben in der Targowa. Für das Waschen mussten die Juden dort bezahlen. Trotzdem es keine Badezimmer gab, so erscheint es mir, dass die Leute gesünder waren als heute. Bei den reichen Juden war es immer sauber. Alles musste gewaschen sein. Jede jüdische Familie stellten auch Aussteuer für ihre Töchter zusammen. Verpflichtet mussten dabei bestickte Unterwäsche und Bettwäsche sein. Das waren sehr schöne Sachen und das Sticken übernahmen Jüdinnen aus dem Ort – Stickerinnen, von denen es in Izbica viele gab.

Bei den ärmeren Juden war es schon nicht mehr so sauber, man könnte sagen, dass es dreckig war, aber es gab auch Wege, die Hygiene einzuhalten. Ich erinnere mich, dass als ich vor dem Krieg zur Schule ging, in meiner Klasse die meisten Schüler Juden waren. Polen gab es nur sehr wenige. Ich erinnere mich, dass die Jüdinnen wunderschöne Haare hatten – überhaupt waren das sehr schöne Mädchen. Um die Haare zu pflegen, schmierten sie sie mit Öl ein. Das war das wirkungsvollste Mittel im Kampf gegen Läuse, an denen es unter den Bedingungen in Izbica nicht fehlte. Ich erinnere mich an zwei Zwillingsschwestern aus unserer Klasse – Sara und Judyta – sehr schöne Mädchen. Das waren die Töchter unserer Nachbarn in der Targowa. Ich erinnere mich schon nicht mehr an ihre Familiennamen, nur an ihre Vornamen. Ich erinnere mich auch, dass sie in der Zeit der ersten Aussiedlung der Juden aus Izbica zusammen mit ihrer ganzen Familie aus dem Haus gezerrt wurden und nach Bełżec gebracht wurden. Damals war noch nicht so genau bekannt, wohin die Deutschen die Juden brachten, aber ich erinnere mich, schrecklich erlebte ich das, dass die Familie mitgenommen wurde, und ich, dass man mir meine Freundinnen wegnahm. Das waren doch Nachbarn gewesen, mit denen wir zusammen gelebt hatten.

Ich erinnere mich auch an die Freitage vor dem Krieg in Izbica. Das war der Anfang des Sabats. Polen gingen durch die jüdischen Häuser „die Brennguppen“. Das bedeutete, dass sie in die jüdischen Häuser gingen, um das erste Feuer im Ofen oder in der Küche anzuzünden, denn den Juden war es schließlich am Sabat nicht erlaubt, Feuer anzuzünden. Am nächsten Tag, am Samstag, gingen hübsch angezogene jüdische Familien spazieren. Sie gingen meisten auf den Wall, in den Wald oder nach Maliniec.

Ich kann mich nicht an Konflikte zwischen Polen und Juden vor dem Krieg erinnern. Hier lebte man normal, und wenn es irgendein Problem gab, dann so wie normal, zwischen Nachbarn. Die Juden, die vor dem Krieg in Izbica wohnten, dass waren vor allem traditionelle Juden. Sie sprachen, natürlich, Polnisch, aber mit einem jüdischen Akzent. Henoch Lipszyc, der sich später bei uns versteckte, sprach bereits gut Polnisch. Sehr schön sang er auf Polnisch. Sogar nach dem Krieg, als er mich in Izbica besuchte, sangen wir abends zusammen. Ich erinnere mich auch, dass er damals aus Israel zusammen mit seiner Frau, die rumänische Jüdin war und aus einer vor dem Krieg reichen Familie kam, anreiste. Sogar nach dem Krieg wunderte sich seine Frau sehr, dass Henoch aus so einem Loch stammte, wie Izbica es war und wie man hier wohnen kann, wo doch alles so primitiv ist. Sie wollte sich Izbica nicht angucken. Dafür sind Henoch und ich speziell herumgegangen, um alte Plätze anzusehen, denn Henoch wollte überall hin. Seine Frau blieb damals bei uns im Haus und während sie durch das Fenster auf all die alten Häuser schaute, hörte sie nicht auf, sich zu wundern, dass man so arm wohnen kann.

Im September 1939 kamen die Russen nach Izbica. Die Juden empfingen die Russen sehr warm. Man konnte sehen, dass das Freundschaft war. Es kam aber nicht zu Denunziationen. Kein Pole wurde verhaftet und soweit ich weiß, hat kein Juden Informationen über seine polnische Nachbarn weitergegeben. Als die Russen Izbica verließen, gingen viele Juden von hier mit ihnen mit. Sie kamen erst nach dem Krieg wieder zurück. Zumindest einige von ihnen.

Ganz am Anfang der Besetzung brachten die Deutschen erst polnische Juden aus den westlichen Regionen hierhin: aus Kolo, Lodz, Warschau. Erst später, 1942, aus dem Ausland. In Izbica war es nicht notwendig, ein abgetrenntes Ghetto einzurichten, so ein jüdisches Viertel. Die Juden lebten überall. Izbica liegt in einem Tal. Von drei Seiten von Hügeln eingerahmt und an einer Seite ist die Weprz – ein Fluss, ein natürliches Hindernis. Alles war in einem Kessel und alles war unter Kontrolle. Niemand kam heraus. Wenn eine Jagd auf Juden stattfand, wurden die Hügel um Izbica herum besetzt und der Fluss und alle, die in der Mitte waren, wurden aufgegriffen.

Danach begannen sie, Juden aus dem Ausland hierher zu bringen: Aus der Tschechoslowakei, aus Deutschland und sogar aus Frankreich.[1] Ausländische Juden wurden in Personenzügen, so genannten Pullmanns, sehr elegant, hierher gebracht. Die Bahnstation Izbica befand sich damals näher an der Stadt. Das Bahnhofsgebäude, das heute dort steht, ist nicht das selbe wie im Krieg. Von der Bahnstation aus wurden die Juden auch nach Bełżec deportiert. Auf ihren Transport mussten auf dem Gras warten, sie saßen dort und warteten auf die Waggons, währenddessen die „Schwarzen“ sie schlugen und ausraubten.[2] Ich erinnere mich, dass sie sogar zu uns nach Hause kamen und vor allem ein Zwischenfall hat sich mir in die Erinnerung eingeprägt, wie ein solcher „Schwarzer“ zu meinem Vater kam. Er wickelte sein Hosenbein hoch und hatte an seinem Unterschenkeln Armbanduhren befestigt, die er meinem Vater verkaufen wollte. Offensichtlich, wenn sie die Juden ausraubten, dann taten sie das heimlich, ohne dass die Deutschen das mitbekamen. Woher wir wussten, dass die Juden ins Lager von Bełżec  gebracht wurden? Gerüchte gingen in Izbica rund. Es war ja schließlich auch nicht weit weg. Die Leute erzählten, dass der Zug dort in den Wald fuhr und dass man dort die Juden ermordete. Andere Einzelheiten kannten wir nicht. Dass man die Juden in Bełżec ermordete, das wussten die polnischen Juden und deswegen versteckten sie sich, ob das die ausländischen Juden wussten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich eher nicht. Wenn die Deutschen die Juden zur Bahnstation führten, stellten die Leute Brot und Flaschen mit Milch vor die Häuser, so dass die Leute vor ihrer letzten Reise etwas essen konnten.

So brachte man die Juden aus dem Ausland auf dieselbe Bahnstation. Dort stiegen sie aus und dort mussten sie ihr Gepäck zurücklassen. Das Gepäck bekamen sie nie wieder zurück. Dann brachten man sie zu Häusern, in denen schon andere Juden wohnten. Mit der Unterbringung befasste sich der Judenrat. Die Häuser in Izbica waren damals wie Blöcke gekennzeichnet – sie hatten Nummern und ich denke, es gab eine Aufschrift, das dies der und der Block ist.[3]

Unter den Juden, die aus dem Ausland hierher gebracht wurden, befanden sich sehr viele gebildete. Ich erinnere mich an eine französische Jüdin. Sie war Zahnärztin. Man ging zu ihr, um sich die Zähne behandeln zu lassen. In der Nachbarschaft wohnte ein tschechischer Jude, ein Arzt. Er wohnte mit der ganzen Familie hier. Ich erinnere mich, dass mein Vater am Ischias erkrankte und dieser Arzt ihn heilte. Er stellte ihn auf seine Füße. Später, als in Izbica die Typhusepidemie ausbrach, erkrankte seine ganze Familie und auch er selber an Typhus. Wenn es Kranke gab, so wurden sie von den Deutschen aus den Häusern in die Transporte gezogen.

Arbeit gab es für diese Juden aus dem Ausland nicht. Ich erinnere mich, dass sie aus Stofffetzen Puppen herstellten. Es gab so eine kleine Werkstatt, in der ausländische Juden arbeiteten und (szmacianki) aus Materialien produzierten, die die deportierten polnischen Juden zurückgelassen hatten. Aber sonst gab es keine Arbeit für sie. Es wurden keine Werkstätten geöffnet, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Dafür herrschten Hunger, Läuse und Schmutz. Ich erinnere mich, dass die ausländischen Juden zu den Häusern gingen, und die Reste der Sachen, die ihnen geblieben waren, für Essen eintauschten. Eine Frau brachte Kosmetika und wollte dafür Essen. Ich erinnere mich auch an eine deutsche Jüdin, deren Mann Offizier war und die ganze Zeit die Hoffnung hatte, dass sie deswegen von dort befreit werden würde. Wenn ein Ausländer etwas aus seinem Gepäck hatte, so verkaufte er die Sachen für Essen. Ich erinnere mich an so schöne bestickte Kopfkissen, die man von den ausländischen Juden kaufen konnte. Die Unterwäsche war mit Monogrammen.

Der Chef der Gestapo in Izbica war Engels. Ein schrecklicher Mensch. Wir sagten über ihn, dass er zum Frühstück einen Juden töten muss. Er schoss auf die Leute auf der Straße. Er tötete Juden genau so wie Polen. Dort, wo heute die Polizeiwache ist, dort hatte er seinen Sitz. Er hatte dort so ein kleines Arrestgebäude – heute ist das die Polizeigarage. Wir nannten das Ziege (Koza). Die Exekutionen fanden auf dem Grasfeld hinter dieser Koza statt. Ich erinnere mich, dass Engels dort zehn Polen erschoss, die aus Krasnystaw dorthin gebracht worden waren. Wir kannten einen der Erschossenen. Das war Herr Gąsiorowski. Meine Eltern hatten eine Mühle und Herr Gąsiorowski kontrollierte die Mühle. Ich erinnere mich, dass meine Eltern sagten, dass er festgenommen wurde und in der Gruppe aus Krasnystaw war, die hinter der Koza erschossen worden war. Vor dem Posten von Engels standen immer Pferdewagen – immer so zwei-drei Wagen, (zaprzezone), die zur einem örtlichen Hof gehörten. Der Gemeindevorsteher suchte die (Stoiki) aus.    



[1] Wahrscheinlich hat Frau Blaszczyk österreichische mit französischen Juden verwechselt. In Izbica kam nie ein Transport aus Frankreich an. Französische Juden wurden erst 1943 in die Lubliner Region deportiert, und dann direkt nach Sobibor. Anm. d. Red.

[2] Die Wachmänner aus den Hilfsmannschaften der SS in Trawniki, wo sich ein Ausbildungslager für sie befand. Das waren vor allem sowjetische Kriegsgefangene, die auf die deutsche Seite übergelaufen waren, für den Preis, aus den Kriegsgefangenenlagern herauszukommen, Volksdeutsche, Ukrainer, Litauer. In Trawniki wurden auch polnische Wachmänner ausgebildet (eine kleine Gruppe). Wegen der Farbe ihrer Uniformen wurden sie allegemein die „Schwarzen“ oder aufgrund ihrer Nationalität „Ukrainer“ genannt. Ihre Aufgabe bestand daraus, die Ghettos aufzulösen und die Transporte in die Vernichtungslager zusammenzustellen. Sie erfüllten auch Wachdienst in den Vernichtungslagern und Konzentrationslagern. Anm. d. Red.

[3] Auf erhalten gebliebenen Postkarten, die von deutschen und tschechischen Juden aus Izbica geschickt wurden, sind die Adressen  dieser Blocks zu finden. Eine typische Adresse sah folgendermaßen aus: „Distrikt Lubli, Kreis Krasnystaw, Izbica, Block III/243.

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