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Erinnerungsarbeit ohne Zeitzeugen

Ein Interview mit Karin Graf vom Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. Veröffentlicht im ak - zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 557 / 21.1.2011

 

Saul Friedländer betont in seinem Standardwerk "Das Dritte Reich und die Juden", dass die Stimmen der Verfolgten unverzichtbar sind, um die Vergangenheit zu verstehen: "Denn ihre Stimmen sind es, die das offenbaren, was man wusste und was man wissen konnte; ihre Stimmen waren die einzigen, die sowohl die Klarheit der Einsicht als auch die totale Blindheit von Menschen vermittelten, die mit einer völlig neuen und zutiefst entsetzlichen Realität konfrontiert waren." Die Stimmen der ZeitzeugInnen, soweit nicht dokumentiert, verstummen jedoch mit ihrem Tod. Das Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. veranstaltet jährlich Studienreisen zu ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern.
Mit Karin Graf vom Bildungswerk sprach ak über die Erinnerungsarbeit mit und ohne ZeitzeugInnen.

Mandelbaum.tif
Henryk Mandelbaum, verstorben am 17. Juni 2008


ak: Ein Schwerpunkt eurer Arbeit sind Reisen nach Auschwitz-Birkenau und
zu anderen ehemaligen deutschen Lagern in Polen und der Ukraine - finden
diese mit Zeitzeugen so noch statt?


Karin Graf: Leider nein. Mit dem Tod vieler Zeitzeugen, mit denen wir eng
zusammengearbeitet haben, ist eine Ära zu Ende gegangen. Seit Anfang der
1990er Jahre bieten wir Fahrten zu ehemaligen deutschen Konzentrationsund
Vernichtungslagern in Osteuropa an. Die Zeitzeugen, die noch leben,
sind sehr alt und können mittlerweile aus gesundheitlichen Gründen nicht
mehr mitreisen. Vor zwei Jahren starben beispielsweise Stanislaw Hantz,
unser Namensgeber, und Henryk Mandelbaum, zwei ehemalige
Auschwitzhäftlinge, die uns seit Jahren in Auschwitz-Birkenau begleitet
haben. Jules Schelvis aus Amsterdam ist mittlerweile 90 Jahre alt und fährt
auch nicht mehr nach Ostpolen mit.


Welche Rolle haben Zeitzeugen in eurer Arbeit gespielt?


Wir haben Zeitzeugen von Anfang eine dominante Rolle bei unseren Fahrten
gegeben. Durch Zeitzeugen wird Geschichte viel unmittelbarer, wird
Geschichte viel wahrer: Wenn einem jemand gegenübersteht, der geschlagen
wurde, ist das etwas anderes, als wenn ich erzähle, dass jemand geschlagen
wurde. Das, was ein Zeitzeuge am Ort seines Leidens erzählt, ist
authentischer als alles, was über Auschwitz oder Treblinka oder irgendein
anderen Ort geschrieben wurde. Die Teilnehmer konnten Stanislaw Hantz
etwa fragen, welche Stimme hatte der SS-Lagerführer Fritzsch oder wie groß
war der eigentlich? (1) Und der konnte das beantworten: Fritzsch war ein
kleiner Mann mit einer quakigen Fistelstimme. So was wissen wir gar nicht, so
wird Geschichte viel näher - viel plastischer. Aus pädagogischer Sicht ist das
Einbinden eines Zeitzeugen etwas besonderes, weil man bei deranspricht. Die
Überzeugungskraft, die Zeitzeugen haben, ist unerreicht. Wir sind nur eine billige
Kopie.


Aber Zeitzeugen liefern oft nur einen individuellen Ausschnitt von Geschichte.
Ist das nicht einseitig und wenig analytisch?


Wir haben sie gezielt in unsere Bildungsarbeit eingebunden. Natürlich steht
bei vielen Zeitzeugen zwangsläufig die eigene Traumatisierung im
Mittelpunkt. Den historischen Rahmen, die politische Einordnung haben wir
als Bildungswerk - als Pädagogen - vermittelt. Zudem haben wir versucht, mit
unterschiedlichen Zeitzeugen zusammenzuarbeiten, die in ihrer Person
unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte verkörpern und somit viele
unterschiedliche Facetten aufgezeigt haben. Männer haben im Lager andere
Erfahrungen gemacht als Frauen. Ein nicht-jüdischer polnischer
Auschwitzhäftling war auf einer anderen Hierarchiestufe als ein polnischjüdischer
Auschwitzhäftling oder ein jüdischer westeuropäischer Auschwitzhäftling. Da tun
sich dann natürlich auch Widersprüche und Konflikte auf, die lehrreich sind.


Welche waren das?


Die Frauen haben erzählt, dass sie, wenn ihre Häftlingskleidung in Auschwitz
desinfiziert wurde, nackt Appell stehen mussten. Und dann sind die Männer
zum Glotzen an den Stacheldrahtzaun gegangen. Für die Frauen war das
schrecklich. Das war häufiger ein Streitthema zwischen den Zeitzeugen. Oder
das Verhältnis von nicht-jüdischen und jüdischen Überlebenden,
osteuropäischen und westeuropäischen jüdischen Überlebenden. Es
bestanden Hierarchien und Konfliktlinien während der Lagerzeit, die bis heute
fortbestehen. Oft waren es aber auch Dinge, denen wir keine große
Bedeutung beigemessen haben: War der Appell um fünf oder sechs Uhr?
Kamen niederländische Transporte im Viehwagen oder auch im Personenzug
im Lager an? Für die Betroffenen wurde das dagegen oft zu einer wichtigen
Streitfrage. Dahinter stecken vielleicht Ängste: können sie richtig bezeugen,
ist es wahr, was sie sagen, sind sie glaubwürdig.


Was hat sich in den letzten 15 Jahren in der Arbeit mit Zeitzeugen verändert?
Konntet ihr beobachten, dass sich die Beiträge, Erzählungen und
Geschichten der Zeitzeugen über die Zeit verändert haben?


Das kann man nur individuell - auf einen Zeitzeugen bezogen - beantworten.
Generell kann man sagen: Die wirklich schlimmen Sachen haben sie weder
uns noch einer Gruppe erzählt. Also besondere Grausamkeiten, mit denen sie
uns Deutsche nicht noch mehr blamieren wollten, weil es unsere Landsleute
waren von denen sie berichten, weil es sexuelle Tabus betraf oder auch
vielleicht, weil sie es nicht riskieren wollten, dass wir es nicht glauben. Über
die Jahre wurden die Erinnerungen bestimmt abgeschliffener, weniger
detailreich, Erinnerungen anderer oder Gelesenes und Gehörtes wurden mitin
die eigene Erinnerung übernommen. Dadurch, dass wir mit Stanislaw Hantz so
viel gearbeitet und diskutiert haben, haben wir von ihm und er von uns gelernt.
Beispielsweise hat er zur Vorbereitung auf die Gruppen das Buch
genommen, das ich über ihn geschrieben habe und damit seine Erinnerungen
aufgefrischt.


Wie kann und wird eure Arbeit in der Zukunft - ohne Zeitzeugen -
weitergehen? Wie versucht ihr diese Lücke - die ja gar nicht schließbar ist - zu
füllen?


Wir haben bereits in den vergangenen Jahren unsere Reisen dem Lauf der
Zeit angepasst. Das mussten wir allein deshalb, weil sich die Gesundheit der
Zeitzeugen verschlechtert hatte. Heute arbeiten wir mehr mit Bildern, Zitaten
und Videosequenzen. Die Themen und Ausrichtungen unserer Reisen sind
andere geworden. Es geht um Frauen in Auschwitz oder die Täter in den
Lagern der "Aktion Reinhardt". (2) Unsere Reisen sind zudem nicht auf den
Nationalsozialismus und die Zeit bis 1945 beschränkt, sondern gehen zeitlich
weit darüber hinaus. Die Reise zu den Lagern der "Aktion Reinhard" Belzec,
Sobibór und Treblinka ist mittlerweile trinational - mit Deutschen, Polen und
Niederländern, bei der auch die unterschiedliche Gedenk- und
Erinnerungspolitik thematisiert wird. Außerdem arbeiten wir mit Schulen und
anderen Institutionen in Polen zusammen, um gemeinsam neue Gedenk- und
Erinnerungsprojekte zu entwickeln.

Interview: I. Stützle, M. Zimmermann

Anmerkung:

1) Karl Fritzsch, war im Range eines SS-Hauptsturmführers als erster

Schutzhaftlagerführer vom 14. Juni 1940 bis zum 1. Februar 1942 im

Stammlager Auschwitz eingesetzt.

2) Die "Aktion Reinhardt" war der Tarnname für die systematische Ermordung

aller JüdInnen und Roma im von Deutschland besetzten Polen.

Das Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V.
Jährlich veranstaltet das Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. Studienreisen zu
ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern an u.a. in das ehemalige
Lager Auschwitz-Birkenau. Eine weitere Frauenstudienfahrt dorthin
beschäftigt sich vorrangig mit weiblichen Erfahrungen in Auschwitz auf der
Verfolgten- wie auch auf der Täterinnenseite. Des Weiteren bietet das
Bildungswerk regelmäßige Studienfahrten mit der niederländischen Stiftung
Sobibór und dem polnischen Verein "Brunnen der Erinnerung" nach Ostpolen
in die ehemaligen Vernichtungslager der so genannten "Aktion Reinhardt" -
Sobibór, Treblinka und Belzec an. Seit 2006 sind Gruppenreisen in das
ukrainische Lwiv (Lemberg) dazugekommen, die sich mit dem Holocaust in
Galizien auseinandersetzen. Neben den Gruppenreisen ist das Bildungswerk
Stanislaw Hantz in verschiedene Gedenk- und Erinnerungsprojekte involviert.
2002 initiierte das Bildungswerk beispielsweise die Gedenkallee imehemaligen
NS-Vernichtungslager Sobibór in Ostpolen. Mehr Informationen zum Bildungswerk
gibt es unter www.bildungswerk-ks.de

"Wenn einem jemand gegenübersteht, der geschlagen wurde, ist das etwas
anderes, als wenn ich erzähle, dass jemand geschlagen wurde."

"Männer haben im Lager andere Erfahrungen gemacht als Frauen. Ein nichtjüdischer
polnischer Auschwitzhäftling war auf einer anderen Hierarchiestufe
als ein polnisch-jüdischer."

gedenkallee.jpg

 

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